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Filme schauen während der Hüft-OP

Berlin (dpa/tmn) - Die Hüfte schmerzt permanent, Bewegungen des täglichen Lebens sind eine Qual, Autofahren ist fast unmöglich. Der Leidensdruck ist irgendwann so groß, dass sich der Betroffene für eine Operation entscheidet. Ein neues Hüftgelenk soll die Lebensqualität wieder verbessern.

Im Gespräch mit dem Operateur steht eine Entscheidung an: Soll die OP unter Vollnarkose oder regionaler Betäubung stattfinden?

Im Unterschied zur Vollnarkose wird bei einer Regionalanästhesie nur ein bestimmter Bereich des Körpers betäubt. Möglich ist das in der Regel vor allem an den unteren Extremitäten, zum Beispiel bei Operationen am Hüft- und Kniegelenk.

Zielgenaue Betäubung

Immer häufiger . «Eine Regionalanästhesie hilft gerade älteren Patienten, schnell wieder auf die Beine zu kommen», sagt Heiko Spank, Chefarzt der Klinik für Spezielle Orthopädische Chirurgie und Unfallchirurgie am . «Sie haben hinterher auch keine Probleme wie Übelkeit, die manchmal nach Vollnarkosen auftritt.»

Doch wirkt die Betäubung auch zuverlässig? «Heutzutage machen wir die Regionalanästhesie ultraschallgesteuert. Dadurch können wir leichter die Nerven darstellen, die eine Extremität versorgen. Wir sehen also genau per Ultraschall, wo sich das Medikament ausbreitet», erklärt Prof. Rolf Rossaint, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI). Die Technik gibt Patienten und Ärzten Sicherheit, dass die Nerven betäubt sind.

Miterleben oder verschlafen

Miterleben wie etwa das eigene Hüftgelenk durch ein neues ausgetauscht wird: Manche Patienten finden das Erlebnis spannend, weiß Rossaint aus Erfahrung. «Einige möchten sogar auf dem Monitor verfolgen, wie der Operateur vorgeht.»

Andere lassen sich lieber Medikamente geben, die sie in einen Schlaf versetzen. Im Unterschied zu einer Vollnarkose atmen sie dabei selbstständig weiter, sind während der Operation aber nicht bei Bewusstsein. Gerade für Menschen, die nervös sind, kann das eine Erleichterung sein.

«Wie Patienten mit einer Operation umgehen, ist unterschiedlich. Manche Menschen sind sehr dickfellig, vor allem bei einer OP, die belastende Symptome verschwinden lassen soll», erklärt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater. Grundsätzlich seien Operationen mit Betäubung aber immer ein Stressfaktor.

VR-Brillen als Ablenkung

Wer während der Operation wach bleibt, kann sich etwa mit Musik ablenken. Gerade Kindern wird oft die Möglichkeit gegeben, nebenbei einen Film anzuschauen.

Technisch gut ausgestattete Kliniken bieten ihren Patienten auch Videobrillen an. Diese decken das Sichtfeld komplett ab und werden mit Kopfhörern kombiniert. «Das ist wie eine Kinoleinwand direkt vor den Augen. Sie sehen und hören während der Operation fast nichts von ihrem Umfeld», sagt Orthopäde Spank, in dessen Klinik die Brillen seit einigen Monaten zum Einsatz kommen.

Die Rückmeldungen der Operierten seien bislang fast durchgehend positiv. «Zunächst ist eine gewisse Skepsis da. Wenn man es aber gemacht hat, sind die meisten hellauf begeistert und sagen, dass sie fast nichts mitbekommen haben», sagt Spank.

Beim Einsatz der Videobrillen mache man sich die Fähigkeit des Gehirns zunutze, Dinge wie die laufende Operation komplett auszublenden, erklärt Psychiaterin Roth-Sackenheim. «Es ist belegt, dass Menschen weniger Schmerzmedikamente benötigen, wenn sie an etwas Anderes denken.»

© dpa-infocom, dpa:200922-99-660825/4


Text: dpa / Bild: (dpa) (23.09.2020)


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